Daniel Hornuff

Normalfall Regelbruch

Daniel Hornuff über den inflationären Gebrauch des Wortes "radikal"

aus: KUNSTZEITUNG, April 2019, Nr. 272, S. 17.

 

 

 

 

Im Jahr 2002 untersuchte der Kunsttheoretiker Tom Holert "eine Lieblingsvokabel der deutschsprachigen Kunstkritik". Konkret ging es um die "Universalfloskel" der "Position". Der "Kunstjargon", so Holert, etikettiere gestalterisch tätige Personen, ihre Arbeiten oder sogar ganze Werkbiografien mit dem angeblichen Nimbus einer Position. In seiner Neigung zur "rhetorischen Flucht" avanciere der Begriff zum institutionellen Gebot: "Ohne 'Position' wird es schwer", so das ernüchternde Fazit.

 

Holerts Analyse gehört zu den wenigen Versuchen, das öffentliche Sprechen über ästhetische Phänomene kritisch zu durchleuchten. Dabei könnte eine solche Aufgabe gerade heute kaum dringlicher sein – in einer Zeit, in der ästhetische Praktiken so breit wie nie dazu eingesetzt werden, soziale, politische und kulturelle Selbstverständnisse auszuhandeln. Sprache gewinnt dabei eine besonders wichtige Funktion, ist sie doch das Instrument, mit dem Einseitigkeiten ergänzt, ideologische Setzungen entkräftet und alternative Sichtweisen forciert werden können.

 

Neben "Position" gehört auch das Attribut "radikal" zu den besonders inflationär gebrauchten Vokabeln. Was wurde und wird nicht alles als radikal gefasst: Der Künstler habe einen "radikalen Bruch mit der Tradition" eingeleitet; der Designentwurf besteche "durch seine radikale Innovation" – was daran erinnern mag, dass das "Radical Design" als einstige Reaktion auf den Funktionalismus und somit als Claim einer ganzen Bewegung angedacht war; weiterhin wird in Konzept- und Werkbesprechungen gerne "der Mut zur Radikalität" gelobt, mit der Folge, dass das "ästhetisch Radikale" vielen gestalterisch arbeitenden Menschen als glänzende Ausweismarke gilt.

 

Ihre Höchstvollendung findet die Vokabel denn auch in der "radikalen Position", folglich also im Zusammenziehen zweier weitgehend numinoser Formeln. Doch wird damit nur umso deutlicher: In seiner massenhaften, geradezu mainstreamverliebten Ubiquität bedient das Radikale das normativ Erwartete. Rhetorisch-bereitwillig befriedigt es die Sehnsucht nach einem Flair von Überschreitung, Regelbruch und Singularität. "Spätestens in der Moderne", beobachten Stephanie Willeke, Ludmila Peters und Carsten Roth, werde das Radikale "zum vorteilhaften Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Konkurrenz des kulturellen Feldes" – was aber auch dann nicht mehr gilt, wenn das Radikale der überwiegenden Mehrheit als Richtungspfeil dient.

 

Gegen die klischeehafte Allgegenwart des Radikalen sind zwei Umstände in Erinnerung zu rufen: seine Bedeutung und seine politische Verstrickung. Wortgeschichtlich besehen, leitet sich das Radikale vom lateinischen "radix", der Wurzel, ab. Wer etwas als radikal identifiziert, insinuiert ein Zurückgehen auf Ursprung und Herkunft, was wiederum dem Konzept einer statischen Identität entspricht. Der vermeintliche Außenseiter-Charme des Radikalen realisiert sich damit als essentialistische Wertzuschreibung.

 

Dies ist auch der Grund, warum das Radikale allenfalls durch poröse Grenzen vom Extremen geschieden ist. Einerseits als erfreulicher Wagemut gepriesen, kippt das Radikale im Feld des Politischen ins Destruktive und Gewaltsame. In einer hybriden, vernetzten, durchlässigen, queeren und mithin uneindeutigen Gesellschaft sind die Sphären des Politischen und Ästhetischen längst nicht mehr klar getrennt – sofern sie es je waren! Bedrückender Weise hat dies niemand schärfer erkannt als die Neue Rechte. Diese setzt nun darauf, das politisch Rechtsextreme mit dem Radikal-Ästhetischen zu vermählen. Ihr reaktionär-partikularistischer Geist zeigt sich somit weniger in Springerstiefeln und Bomberjacken als in bunten, schein-diversen, pseudo-emanzipatorischen, polit-aktivistischen Formen und Formaten.

 

Wer also im Feld des Ästhetischen das Radikale – als Haltung, Werk oder gar Person – begrüßt, sollte die Vereinnahmung des Ästhetischen durch das politisch Radikale zumindest mit(be)denken. Erst dann fällt nämlich auf, dass es nie genügen kann, sich zum Radikalen nur zu bekennen. Die strategische, öffentliche Besetzung des ästhetisch Radikalen durch den politischen Extremismus lässt sich nicht zurückdrängen, indem ein hinlänglich eingeübter Jargon reproduziert wird. Im Gegenteil: Wer wider besseres Wissen und Können, somit also aus rhetorischer Bequemlichkeit rumfloskelt, überlässt das Feld jenen, die die Floskeln der anderen für eigene Interessen einzuspannen wissen.

 

Das Sprechen im Feld des Ästhetischen ist nie folgenlos. Im schlechtesten Fall bestärkt es, wogegen es sich wenden möchte. Im besten Fall löst es ein, wofür es eintritt. Bewusster, abwägender, umsichtiger und vielleicht auch seltener vom Radikalen (und seinen Positionen) zu sprechen, kann dazu beitragen, das Feld des Ästhetischen politisch noch genauer zu durchdenken.